Maritimer Adventskalender 2023

Ohne Formulare nicht in Form

F. kommt von den Kap Verden. Er spricht deutsch – und möchte nun auch staatsrechtlich Deutscher werden. Er stellt dazu einen Antrag auf Einbürgerung. Aber auch für den ehemaligen Seemann baut sich die deutsche Bürokratie wie ein Kaventsmann, sprich wie eine Riesenwelle auf, die ihn nahezu mit Angaben zum Personenstand etc. überspült. Da hilft Madeleine Paulert. Sie ist wie eine Lotsin, die durch den bürokratischen Alltag der Bewohner im Seemannsheim am Krayenkamp navigiert.

Papierkram

„Mit Papierkram kenne ich mich aus“, sagt die Rentnerin, die einst den ehrbaren Beruf der Schiffmaklerin gelernt hat. Das aber ist lange her: Dass eine „Hamburger Deern diesen Job machen wollte, war zu den damaligen Zeiten so gar nich‘ üblich“ sagt sie. „Als ich dann so zwischen den gestandenen Seeleuten in der Berufsschule saß, da habe ich mich schon gefragt: Was hast Du dir da angetan?“.

Dabei wurden Madeleine Wasser und Schiffe quasi in die Wiege gelegt, ihre kleinen Kindesbeine trippelten munter am Elbstrand. Denn in Blankenese wurde sie geboren. Nicht im heute so schicken Treppenviertel, sondern da, wo Flüchtlingsfamilien nach dem Krieg unterkamen, in einem kleinen Zimmer. „Ich bin mit Dampfertuten groß geworden“, sagt sie. Das Tuten wurde lauter und lauter und irgendwann mischte sich das Fernweh der Eltern in den Gesang der Elbschiffe: Der Vater wollte über den großen Teich. Hamburg, das war für ihn grau, alles kaputt.

American dream

Madeleine wanderte aus, mit den Eltern. Als Dreijährige marschiert sie munter die Gangway der „Italia“ rauf, um irgendwann nach großer Fahrt die Freiheitsstatue zu grüßen. Von dort ging es zu Verwandten, die bereits rund um New York wohnten. Doch Madeleines „american dream“ währt nur kurz. Wenige Jahre nach der Ankunft in New York sagte die Mutter dem american way of life entschlossen „good bye!“ und ihrer Tochter ganz easy: “Wir machen einen Ausflug.“ Der Ausflug ist mehr als nur ein Trip und dauert … Er führte zurück nach Hamburg. Madeleine landet auf St. Pauli an. Die Deern wird groß in der Schanze bei den Großeltern. Dort neben der Alten Flora betreibt der Opa eine Arztpraxis.

Hier ist künftig Madeleines Hamburger Adresse. Von dort ist der Weg nicht weit bis zur Helene-Lange-Schule und später bis zur Berufsschule, die eine Spezialklasse nur für Seeleute eingerichtet hatte. Damals musterten viele Seeleute ab, um auf den Maklerberuf umzusatteln. Madeleine erinnert sich: „Damals hat man Seeleute noch gerne an Land für Jobs genommen. Die meisten kamen in Lohn und Brot.“ Und auch Madeleine hielt stramm Kurs. Sie beendet die Lehre, die sie bei einem Holländischen Schiffsmakler angefangen hatte. „Irgendwie war auch die türkische Staatsreederei an dieser Firma beteiligt“. Madeleine ist gut mit Zahlen und all dem, was eine Maklerin braucht: „Ich war das erste Mädchen, das schon nach zweieinhalb Jahren Lehre fertig war und war auch ein bisschen stolz drauf.“

Mädchen vom Elbstrand

Doch die Makelei hält sie nicht lange. Madeleine wechselt zur Zigarettenfabrik Reemtsma, um dort in der Spedition „wieder im Büro“ zu sein. Und auch später hat Madeleine, das Mädchen vom nassen Elbstrand, ein Faible für Formulare und trockenen Papierkram. Und irgendwie schafft sie es, beide Dinge zu verbinden. Bei der Versicherungsagentur Class. W. Brons heuert sie an – und kümmert sich fortan um Schäden, die auf Schiffen und der Ladung entstanden sind. Dieser Blick vom Land auf das, was auf dem Meer passiert, bleibt ihr auch, als sie sich selbständig macht. Sie, die ja aus ihrer Kinderzeit mächtig des Englischen ist, macht Übersetzungen, wenn Ladungen Macken bekommen haben und Schadensmeldungen an die P&I Marine-Versicherung (Protection & Indemnity)  gehen müssen. Der letzte „Job-Hafen“  vor der Rente: Wieder klemmt sich Madeleine hinter einen Schreibtisch. Dieses Mal steht der in einer großen Hamburger Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Wieder geht’s um Akten, Belege, Anträge… bis der Rentenbescheid ins Haus flattert und aus der umtriebigen Madeleine eine „Privatiere“ macht.

Einbürgerung

Das allerdings war ihr doch zu ruhig, besonders als ihr Mann verstarb. „Da habe ich was gesucht, um was zu tun“. Denn so ganz ohne Formulare findet Madeleine im Alter ihre Form offenbar nicht. Der Weg führte sie vor 10 Jahren ins Seemannsheim. „Hier gibt’s immer was zu tun.“ Mal geht es um den Einbürgerungsantrag von F. Ein anderes Mal geht es um Rentenansprüche von Seeleuten, die jahrelang auf deutschen Frachtern auf den Meeren fuhren. Madeleine sagt: „Damit sie nicht noch im Alter Schiffbruch erleiden.“