Maritimer Adventskalender 2023

Eisbein und Moussaka

Ghana, 20er Jahre, der Ort Takoradi im Westen Ghanas ist ein kleines Fischerdorf. Es heißt damals noch Amanful und ist nicht unbedingt verträumt, aber malerisch gelegen an der Küste. Hier ist George zu Zuhause. Er stromert durch die Stadt und durch den Hafen und hat einen Traum: „I had a dream. I want to become a seaman“, sagt er heute, da er 62 Jahre alt, gestandener Seemann und Bewohner des Seemannsheims Krayenkamp ist.

Aus Amanful wurde 1920 mit dem Bau eines Tiefwasserhafens nach und nach Ghanas zweitgrößter Hafen und aus George ein Seemann: „Als Junge habe ich die Schiffe gesehen und die Seeleute. Und  ich hatte ein Ziel. Ich wollte Seemann werden“. Der Traum wurde wahr. Als George 19 Jahre alt ist, heißt die erste Etappe seiner maritimen Karriere: Griechenland. Er heuert auf einem griechischen Frachter als assistant cook an. Von Piräus aus erfährt er die Welt im besten Sinne des Wortes und in Erfüllung seines Traumes. So erinnert er sich an 14 Monate auf einen Tanker, der Iliad hieß. Der Name des 80.000 Tonnen Tankers passt eigentlich nicht zu George und seinen Fahrten über die Meere. Denn Homer, den manche aus der Schule als antiken Griechen und Verfasser dicker Schwarten kennen, schrieb nicht nur die Ilias, sondern auch die Odyssee.

You sign you work

Doch George irrte nicht wie Odysseus über die Meere. Seine Schiffe hatten stets klare Ziele: Pakistan, Ägypten, Indien. Der Kapitän wusste die richtige Route und George, was schmeckt. George wusste: Essen gut, Stimmung gut. Was in der Messe auf den Tisch kommt, ist gewichtig, für die Seeleute und das Schiff und gerade bei langen Seestrecken. Ein Koch ist (fast) so bedeutsam wie ein Kapitän. Das wissen auch die, die eigentlich auf einem Schiff das Kommando haben.

George selbst hatte ein Faible für die griechische Küche. „Rice, moussaca, beef, international food, greek food is similar to the food in Ghana“. Sein Lieblingsessen ist Moussaka, Auberginen und Hackfleisch vom Hammel. Zehn Jahre fährt George auf griechischen Schiffen, kocht und ist zufrieden – aber nicht ganz. Denn: Auf griechischen Schiffen gilt“, so George eine recht einfache Regel der Arbeit: You sign, you work.“ Mit anderen Worten. „They pay you and finish. No assurance. No Rente on greek ships.“

Sozialleistungen

Wer anheuerte, nahm Einiges in Kauf – besonders fehlende Sozialleistungen. Doch George hatte von Freunden gehört: „Germany is better“. Hier gebe es das, was auch für Seeleute „very important“ ist: George kennt die Begriffe wie aus dem Effeff: Krankenversicherung, Rentenversicherung…“ „German Companie are better“. 1998 kommt er nach Hamburg“ Bis 2021 fährt er zur See, bis zur Rente. Für den „Change“ von Griechenland nach Deutschland nahm George sogar eine kulinarische Kehrtwende in Kauf. „Zuerst wusste ich nicht, was dort gekocht wird. Eisbein, Salzkartoffeln… „What´s that?“.  An der Elbe gibt’s keine greek cuisine: „No more Moussaka“, bedauert George. „Dafür Gulasch…“

Gulasch

Offenbar schmeckt George aber auch Gulasch. Sein erstes Schiff  ist die „kleine MS Beta“. Doch dabei bleibt es nicht. Er fährt auf großen Containerschiffen ebenso wie auf Feedern, 23 Jahre lang.  Er ist deck man cook und genießt es, auf seinen Fahrten über den Tellerrand schauen zu können: „Jede Seefahrt ist ein adventure, you see many countries.“ Er sieht Australien, Canada, Japan, Singapur, Hongkong, Korea… Besonders gefallen haben ihm die Häfen in den USA: „No problem with the language. Here I can find myself.“ Während die Schriftzeichen in Japan oder Indonesien George zum Stirnrunzeln bringen, kommt er in den USA zurecht: „I can find myself“.  Besonders gerne erinnert er sich an den Hafen von New Orleans. Ein „missionary“ kam an Bord, die Crew hörte eine Predigt, sang und klatscht. „Wie Zuhause, in Ghana“. Sein anderes Zuhause ist im Krayenkamp, zusammen mit vielen anderen der Ghana-Community: Hier wohnt George seit 1998. „Here they welcome everybody, they are polite, alle haben viel Geduld. They have time to listen…“

Von Hergen H. Riedel