Maritimer Adventskalender 2023

Hausmannsgerichte statt etepetete

Er kocht, brät, serviert, richtet an im Seemannsheim – und  mag keinen Fisch. Wie geht das zusammen in einem christlichen Haus, in dem freitags aus traditionellen Gründen Seelachs, Forelle & Co auf der Speisekarte steht. Jens Myska zeigt, dass es geht. Denn zusammen mit Stefan ist es das Team, das in der Küche des Seemannsheims am Krayenkamp die Töpfe klappert und die Pfannen schmurgeln lässt. Das Duo ergänzt sich. Der eine, Jens, hat ein Herz für Hausmannskost und der andere, Stefan, konnte vor vielen Jahren beim Sylt-Gastronomen Gosch seine Vorliebe für gekochten oder geräucherten Fisch unter Beweis stellen „Jens: „Die meisten nennen uns die Küchen Jungs, und das ist gut so. Hauptsache es schmeckt was wir kochen.“

Teppich-Mekka

Dabei ist Jens vom Fach. Er ist gelernter Fleischer und dass er kein Faible für Fisch hat, haben ihm alle schon nachgesehen. Denn Jens ist kein Hamburger, er ist „Quiddje“,  also zugezogen, wie übrigens viele Hamburger. Dass Jens aus dem sächsischen Oelsnitz im Vogtland kommt, hört man nicht mehr, wenn er über seine Kindheit und Jugend plaudert, als sei sie erst gestern gewesen: Der kleine Jens wuchs auf in der DDR in Oelsnitz, dem damaligen Mekka der Teppich-Produktion. „Von hier gingen Teppiche zu den sozialistischen Bruderländern“, erinnert er sich an die Epoche vor der Wende. Damals war  er 13 Jahre alt. „Alt genug, um viel mitzukriegen und mit dem Bruder auf die Montagsdemos zu gehen“.

Geselle goes west

Mit der Wende veränderten sich die politischen und Lebensverhältnisse von Jens – nicht aber sein Berufswunsch, der er seit Kindertagen hatte. „Ich wollte Fleischer werden. Und Jens absolvierte die Lehre, wurde Geselle  und für mehrere Jahre gehörten Mettwürste, Kotelett und Rinderzunge zu seinem Alltag. Doch auch Jens zog es hinaus in die Stadt, wie so viel andere. Er ging nach Leipzig und Dresden – und dann heißt es auch für ihn „Go west“. „Man hörte so viel über Hamburg, über den Kiez, die Reeperbahn, den Hafen…“ Um die Jahrtausendwende wohnt er in Eidelstedt und „fleischert“ in einer Metzgerei – „Hier sagt man ja Metzger“ – in der Nähe der Bahrenfelder Trabrennbahn.

50 Cent

Doch der rasante Aufstieg der Discounter-Fleisch-Abteilungen sorgen für das „Schlachtereisterben“ auch in Hamburg und führen Jens zum Glauben – an einen neuen Job. Er steht erst seinen Küchenmann in der Hammer Kirche und später in der Tagesaufenthaltsstätte für Obdachlose an der Bundesstraße (TAS.) Hinter dem Kürzel verbirgt sich ein Projekt im Diakonie-Zentrum für Wohnungslose. Hier können Menschen von der Straße sich ausruhen, etwas essen, sich aufwärmen, duschen, Wäsche waschen… Hier  ist Jens TAS-Mann. Montag, Dienstag, Donnerstag und Sonntag wurde gekocht, zwei Tage gab es nur Frühstück. Das kostet 50 Cent. Viele bekamen das Geld nur durch gesammeltes Flaschenpfand zusammen.“ Hier im TAS verfeinert Jens seine Kochkünste, um Suppen und Eintöpfe zu einem Festmahl für viele zu machen. „Wir haben für mehr als 100 Leute gekocht“. Und er zelebriert das Frühstücksbuffet für die Obdachlose: „Auch das Auge isst mit. Auch wenn man von der Straße kommt.“

Wenn das Seemannsheim klingelt

Doch nach fast zehn Jahren klingelt bei Jens das Telefon. Am andren Ende der Leitung und auch der Stadt hört er: Hier ist Inka Peschke, Seemannsheim am Krayenkamp. Inka leitet damals das Seemannsheim und hatte ein Problem: Es fehlte an Kräften für die Küchen. Nach kurzem Hin- und Her kam Jens ins Heim und fuchste sich ein in die Kulinarik im Krayenkamp und stellt seinen Wecker neu. „Nach der Tagesschau geht bei mir das Licht aus. Ich stehe zwischen 2 und 2.30 auf, mache mich fertig und gehe zu Fuß in den Krayenkamp, um ab 4 Uhr erst das Frühstück zu richten und für das Mittagessen zu schneiden und zu schnippeln.“ Jens mag es zwar nicht etepetete, aber bei Frühstück ist er eigen und ein Maître die Dejeuner. Er braucht seine Zeit, um die Brötchen aufzubacken, die Konfitüre und das Obst zu platzieren: „Ich muss mich selbst wohlfühlen bei Morgenkaffee und Frühstücksei.“ Und er vergisst nicht zu erwähnen. „Jeden Tag gibt es ein besonderes Teilchen dazu, entweder Croissants oder Franzbrötchen.“

Im Seemannsheim selbst schätzt er nicht nur sein Essen, sondern auch das „gute Arbeitsklima in dem sozialen Haus.“ Nur eines schmeckt ihm zuweilen nicht: „Hin und wieder muss ich an das Budget denken. Die Buchhaltung schaut kritisch drauf. Aber wenn es schmeckt, stimmt auch der Preis für Boeff Stroganoff – ausnahmsweise.“

Cuisine Krayenkamp

„Vor Corona kamen oft auch Leute aus dem Viertel, Mitarbeitende von Reedereien der Nähe oder Touristen zu uns. Das hat sich geändert“, sagt Jens. Geblieben ist die Cuisine à la Krayenkamp. Es gibt (fast) alles, was Krayenkamper mögen: Rind, Klöße, Gulasch Braten. Und auch die Brathähnchen, über die manche sagen, sie seien über Grenzen der Republik hinaus bekannt. Jens und Stefan richten es gemeinsam an, nur nicht Freitags: „Freitag ist Stefan-Tag. Dann gibt’s Fisch.“

Von Hergen H. Riedel